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Dejan Kaludjerović kocht, wenn er
Kunst macht. Seine Zutaten bestehen aus unterschiedlichsten
künstlerischen und handwerklichen Techniken wie z.B. Malerei, Grafik oder
Stickerei. Eine weitere Zutat sind kollektive Bildgedächtnisse bestimmt
von Kommunikationsmedien wie Magazinen, Werbeplakaten, Versandkatalogen
oder private Bildarchive. Die dritte Zutat sind Alltagsgegenstände, wie
z.B. Tischtücher, Klopapier oder Kleidungsstücke. Neu zusammengestellt
erzählen diese Zutaten neue, mitunter unerwartete Geschichten. Was dabei
entsteht, sind in ihrer Form sehr differente Werke, die nach ähnlichem
"Rezepten" konzipiert werden.
Strawberry Boy z.B. basiert auf einem ca.
30 Jahre alten Werbefoto für Kinderunterwäsche. Breitbeinig steht da ein
Junge und führt den KäuferInnen als Beweis für die Qualitäten des
Produkts die Kraft in seinem rechten Oberarm vor Augen. Aus dem
Versandkatalog herausgelöst zeigt der Junge nun im Rahmen der Ausstellung
seine Stärke. Gemalt ist dieses 2 x 1,5 m große, ganz in rot gehaltene Portrait
auf zwei roten Plastiktischtüchern, die über Keilrahmen gespannt sind.
Den Hintergrund bilden unzählige, rote Pinocchio Gesichter, die Dejan
Kaludjerovic mit einer Tapetenwalze auf die Tischtücher aufgebracht hat.
Das Bildnis des Jungen selbst hat den Charakter eines durch zahlreiche
Fotokopiervorgänge etwas abstrahierten Portraits.
Im Kontext der Ausstellung wirbt der Junge
nun nicht mehr für Unterwäsche, er ist zu einem überdimensionalen,
kraftstrotzenden, selbstbewußten Knaben geworden, der im Schutz seines
"abwaschbaren Pinocchio-Kinderzimmers" das Bildformat sprengt,
indem Scheitel und Beine vom Keilrahmen abgeschnitten sind. Das Stereotyp
dieser Männlichkeitspose wird durch die zahllosen Wiederholungen der
Pinocchio-Gesichter im Hintergrund verstärkt. Gleichzeitig wirkt diese
Siegerpose des Kindes aber auch verletzlich. Weniger seine Nacktheit
evoziert dieses Gefühl, vielmehr seine scheinbar im Licht aufgelöste
Körperkontur. Seine rechte Schulter verliert sich im Hintergrund, ähnlich
wie seine rechte Seite und sein rechtes Bein. Die Stärke, die
Männlichkeit des Jungen scheint sich zu relativieren. Langsam kommt das
Wesen des Kindes hinter den roten Schatten in Erinnerung.
Mit ähnlich subtilen, narrativen Mittel
arbeitet Dejan Kaludjerović auch in seinen anderen Werken. In seiner
Bild/Ton Installation What did tomorrow bring us? führt er uns via
Diaprojektion ein scheinbar idyllisches Familienportrait im
Panoramaformat vor Augen: In einem Wald sitzt sich ein junges Paar am
Geländer einer Brücke gegenüber und betrachtet verträumt die
AusstellungsbesucherInnen. Im Dunkel dieses Ausstellungsraumes hört man
das Tosen eines Baches. Das Rauschen des Wassers symbolisiert Zeit, das
Werden. Etwas stört diese Harmonie. Die Mode und das Gelbstichige der Schwarzweißfotos
erzählen, dass die Aufnahme aus der Vergangenheit stammt. Ist es die
Verliebtheit, mit der Mann und Frau die AusstellungsbesucherInnen
anschauen? Sie erscheinen zu zweit und doch einsam - so, als ob sie
nichts miteinander anfangen können.
Beim genauen Betrachten erkennt man, dass
sich in der Mitte der Projektion zwei Bäume in einem am Kopf stehenden
"V" treffen: die gesamte Landschaft ist vertikal gespiegelt.
Die Szene hat sich nicht so abgespielt, wie sie in der Ausstellung zu
sehen ist. Dejan Kaludjerovic hat zwei Fotos seiner Eltern manipuliert
und in eine Gleichzeitigkeit gebracht. Der Betrachter steht heute dort,
wo einst der vertraute Partner hinter der Fotokamera stand. Die Frage
What did tomorrow bring us?, die gleichzeitig Titel der Installation ist,
legt in diesem Kontext ein Scheitern familiärer, und damit
stellvertretend gesellschaftlicher, Systeme nahe.
In seinen Arbeiten zieht Dejan
Kaludjerović seine BetrachterInnen geschickt durch eine scheinbare
Vertrautheit und Intimität in Bann. Sein Plakat Spring Soap
beispielsweise spielt mit altbekannten Kommunikationsstrategien der
Werbebranche. Bei genauerem Hinschauen entpuppen sich diese
Anknüpfungspunkte zu Möglichkeiten, gesellschaftliche (Macht)Strukturen
darzulegen und zu hinterfragen. Die serbische Frühligsseife erscheint auf
dem Plakat als Sponsor der Ausstellung. Faktum? Oder spielt das Plakat
auf die fehlende Beziehung zwischen Wirtschaft und Kunst in Serbien an?
Der Künstler als Eigenpromotor seiner Marke? Dass sich Dejan Kaludjerović
für diese Erzählungen unterschiedlichster Medien, Bildwelten oder
Materialien bedient, die er collagenhaft behandelt, ist auch
stellvertretend für die Vielschichtigkeit gesellschaftlicher und
marktwirtschaftlicher Systeme zu verstehen. Indem er auf Vertrautes aus
der Vergangenheit zurückgreift und neu arrangiert, erzählt er scheinbar
vertraute Alltagsgeschichten neu.
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