Zu kombinierten Werke von Dejan Kaludjerović "What did tomorrow bring us?" & "The future belongs to us"
by Michaela Pedratscher

 

Arbeiten von Dejan Kaludjerović werden nicht auseinandersetzungslos rezipiert. Sie fordern auf. Sie eröffnen mehrere Ebenen in der Betrachtung, die Motivik, Technik und letztlich die dahinterstehende Philosophie betreffend.

Ein vielversprechendes setting einer Liebesszenerie mit guten Zukunftschancen zeigt die Foto-Sound-Installation "What did tomorrow bring us?" - Waldschneise, Brücke, Wasser, vorgezeichneter Weg; Frau und Mann, jung, gesund, Idealismus und Hoffnung ausstrahlend, den Betrachter anvisierend. Der Titel, eine Fragestellung in der Mitvergangenheit, welche retrospektiv gestellt wird, unbeantwortet und von dauerhafter Präsenz bleibt.

Was brachte uns der Morgen danach? Die Zukunft? Welchen Stellenwert nimmt dieser festgehaltene Moment im Leben ein? Was ist daraus geworden?

Eine spannende zwischenmenschliche Beziehung, die voyeuristisch aufgearbeitet, weitergesponnen und mit der ureigenen Geschichte des Betrachters vermischt wird, inszeniert der serbische Künstler Dejan Kaludjerović in einem unbewegten bewegenden Scheinbild.

Der festgehaltene Moment scheint zu perfekt. Und der achtsame Betrachter hegt Irritationen. Vielen wird oberflächlich betrachtet die schwerwiegende technische Manipulation seitens des Künstlers kaum in die Augen fallen. Es handelt sich um ein konstruiertes, künstlich erzeugtes Bild. Zwei Fotografien aus der Vergangenheit werden mittels der heutigen Technik zu einem verschmolzen und somit zu einem Dokument der immerwährenden Gegenwart. Es verändern sich grundlegend die Aussage und das Wesen des Ausgangsmaterials. Dieses festgefrorene Bild hat es in Wahrheit niemals gegeben.

Mit den technologischen Mitteln der Jetztzeit schafft Kaludjerovic' eine neue, andere Vergangenheit, stellt diese in Frage und durch die Veröffentlichung in einen allgemeineren Kontext. Das Raum-Zeit-Kontinuum wird aufgehoben, die Dimension Zeit als Relativum begreifbar. Vergangenheit und Zukunft treten in eine Wechselbeziehung. Somit wird die Situation in jede beliebige Zeitschiene katapultierbar. Und der abgelichtete intime Moment im Leben zweier Menschen definiert sich manipuliert und veröffentlicht als scheinbar echtes Zeitdokument.

Ein fake.

Nichtsdestotrotz: Eine vielversprechende Zukunft liegt dem Paar zu Füssen. Die Rahmenbedingungen wurden künstlich gestaltet - ein junges Paar vereint, sich keck und zugleich isoliert gegenüber platziert in metaphorisch üppiger landschaftlicher Kulisse. Die Echtheit der Szenerie wird, unterstützt durch das leise Rauschen des Wassers im Hintergrund, kaum anzweifelbar. Alles scheint geklärt, der Hergang der als idyllisch empfindbaren Geschichte ist im Rahmen zu halten, d.h. abseh- und kalkulierbar.

Der Rezipient sieht sich mit Erscheinungsbildern von "Adam" und "Eva" konfrontiert. Losgelöste, abstrakte Persönlichkeiten in jeweils weiblich sowie männlich definierten Körperhüllen gefasst, die kreierten Archetypen der Menschheit schlechthin. Kaludjerović schafft den Adam und die Eva des Sozialismus der 60er Jahre, die Mütter und Väter der jetzt 30jährigen, traditionell eingebettet in ein herrliches Naturambiente.

Der Künstler bedient sich einfacher herkömmlicher Manipulationsverfahren, welche ohne grossartigen technischen Raffinessen durchgeführt werden können. Ein Verfahren wie es tagtäglich geschieht ohne bewusstes Wahrnehmen unsererseits.

Die Strukturen des Machtmissbrauchs, die Auswirkungen auf sowie die totale Kontrolle über das Geschehen thematisiert Kaludjerovic in dieser Arbeit. Die Verantwortlichkeit des Einzelnen wird im interaktiven Bildraum mit dem kollektiven Bewusstsein der Allgemeinheit konfrontiert. Die Relativierung des Individuums gefangen in seinem Dasein, scheint per se konstatiert zu werden. Die Protagonisten lösen sich in austauschbare Schablone der Gesellschaft auf. Als letzte funktionierende Instanz fungiert diese Gesellschaft als Auffangbecken, als alleinige Möglichkeit der menschlichen Koexistenz. Das Kollektiv wird als das Erstrebenswerte generelle Allgemeingut suggeriert und gepriesen.

Die zweite Arbeit des Serbens, die Serie "The future belongs to us", steht im unmittelbaren Kontext zu "What did tomorrow bring us?". Sie stellt die Komplementierung in der hier geknüpften Ideenkette dar.

Die Betitelung "The future belongs to us" leitet sich aus dem im Kinofilm "Cabaret" von der Nazijugend vorgetragenen Lied "Tomorrow belongs to us" her.

Die Zukunft gehört uns. Wir bestimmen unser Morgen. Ein symbolträchtiger Ausspruch als Motto einer Massenbewegung.

Zarte Mädchen- und Bubenportraits stehen einzeln oder zu Gruppen formatiert in grossformatigen Leinwandarbeiten vor bedruckten kindlichen Stoffmustern. Pinocchio, Schaukelpferde oder einfache florale Ornamentik sind im Hintergrund zu entdecken. Motive, die für moralische Wertigkeiten stehen, welche Erwachsene Kindern vermitteln.

Die Darsteller nur mit Unterwäsche bekleidet, posieren in spezifisch männlich und weiblich zugeschriebenen Haltungen. Das Ausgangsmaterial der Bildwahl stammt aus Burdazeitschriften der 70er Jahre, aus einer Zeit, in welcher der Künstler selbst aufgewachsen ist. Kaludjerovic isoliert und assembliert diese Motive und stellt sie im weiteren Schritt in einen definitiv neuen Zusammenhang.

Die Momentaufnahmen aus jener Zeit erscheinen plötzlich befremdlich. Die Diskrepanz zwischen dem Kindsein symbolisiert durch die ins Abseits gedrängte Stoffmotivik und das Halbnacktposieren in Erwachsenenattitüde verschärft das bildinnewohnende Dilemma. Herausgerissen aus der eigentlichen Zweckerfüllung, nämlich für Produkte zu werben, erhalten diese Portraits durch die zweifelhafte Zurschaustellung einen anrüchigen Charakter. Es verstösst gegen das moralische Empfinden, Kinder halbnackt in Unterwäsche auf Poliertellern zu präsentieren. Der Objekt- und Opferrolle ohnmächtig gegenüberstehend strahlen sie trotz allem die gerngesehene und geforderte kindliche Naivität und Unschuld aus.

Die Entfremdung, welche von Kaludjerovic hergestellt wird, entblösst den herrschenden, gängigen Machtmissbrauch der Gesellschaft im Verharmlosen und wahllosen Konsumieren. Degradiert zu Objekten, Trägern von kaufbaren Artikeln imitieren diese Bilddarsteller Erwachsene, selbst noch zu einer Welt gehörend, welche eigentlich und ausschliesslich in rosarote und hellblaue Töne erstrahlen sollte.

Die sozialkritischen Arbeiten Dejan Kaludjerović' im allgemeinen setzen sich mit totalitären Systemen und Strategien auseinander. Anhand beider in der bildnerischen Umsetzung besprochener Beispiele kann das Aufzeigen des Missbrauchs in ideologischer, physischer und psychischer Weise festgestellt werden. Zugunsten einer zu hinterfragenden Ideologie wird ein Konstrukt einiger weniger Menschen zum Absoluten erklärt und durchgesetzt. Durch den Schritt des Öffentlichmachens tritt das Ignorieren und die innewohnende Selbstverständlichkeit, die stillschweigende Zustimmung des Einzelnen zu tage, welche letztendlich das System legitimisiert bzw. erst ermöglicht.

Kaludjerovic' Werke basieren auf Bildern aus visuellen Medien. Er bedient sich daraus vergleichbar mit einem DJ, sich die Technik der Collage zunütze machend, ein innovatives Sampeln praktizierend.

Der Künstler arbeitet in allen Medien, er verwischt die oft starren Grenzen diese zu überschreiten. Die Werke sind nicht aufs erste lesbar und konsumierbar, nicht bloss ästhetisch oder dekorativ. Das soziale Zusammenleben wird in Zusammenhang von persönlicher und kollektiver Verantwortung und der Bewusstseinswerdung darüber unter die Lupe genommen. Sie mögen für eine Zeit stehen, welche vielleicht das Gefühl des Zwischen-Zwei-Stühlen-Sitzens am besten beschreibt.