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Arbeiten von Dejan Kaludjerović werden
nicht auseinandersetzungslos rezipiert. Sie fordern auf. Sie eröffnen
mehrere Ebenen in der Betrachtung, die Motivik, Technik und letztlich die
dahinterstehende Philosophie betreffend.
Ein vielversprechendes setting einer
Liebesszenerie mit guten Zukunftschancen zeigt die
Foto-Sound-Installation "What did tomorrow bring us?" -
Waldschneise, Brücke, Wasser, vorgezeichneter Weg; Frau und Mann, jung,
gesund, Idealismus und Hoffnung ausstrahlend, den Betrachter anvisierend.
Der Titel, eine Fragestellung in der Mitvergangenheit, welche
retrospektiv gestellt wird, unbeantwortet und von dauerhafter Präsenz
bleibt.
Was brachte uns der Morgen danach? Die
Zukunft? Welchen Stellenwert nimmt dieser festgehaltene Moment im Leben
ein? Was ist daraus geworden?
Eine spannende zwischenmenschliche
Beziehung, die voyeuristisch aufgearbeitet, weitergesponnen und mit der
ureigenen Geschichte des Betrachters vermischt wird, inszeniert der
serbische Künstler Dejan Kaludjerović in einem unbewegten bewegenden
Scheinbild.
Der festgehaltene Moment scheint zu
perfekt. Und der achtsame Betrachter hegt Irritationen. Vielen wird
oberflächlich betrachtet die schwerwiegende technische Manipulation
seitens des Künstlers kaum in die Augen fallen. Es handelt sich um ein
konstruiertes, künstlich erzeugtes Bild. Zwei Fotografien aus der
Vergangenheit werden mittels der heutigen Technik zu einem verschmolzen
und somit zu einem Dokument der immerwährenden Gegenwart. Es verändern
sich grundlegend die Aussage und das Wesen des Ausgangsmaterials. Dieses
festgefrorene Bild hat es in Wahrheit niemals gegeben.
Mit den technologischen Mitteln der
Jetztzeit schafft Kaludjerovic' eine neue, andere Vergangenheit, stellt
diese in Frage und durch die Veröffentlichung in einen allgemeineren
Kontext. Das Raum-Zeit-Kontinuum wird aufgehoben, die Dimension Zeit als
Relativum begreifbar. Vergangenheit und Zukunft treten in eine
Wechselbeziehung. Somit wird die Situation in jede beliebige Zeitschiene
katapultierbar. Und der abgelichtete intime Moment im Leben zweier
Menschen definiert sich manipuliert und veröffentlicht als scheinbar
echtes Zeitdokument.
Ein fake.
Nichtsdestotrotz: Eine vielversprechende
Zukunft liegt dem Paar zu Füssen. Die Rahmenbedingungen wurden künstlich
gestaltet - ein junges Paar vereint, sich keck und zugleich isoliert
gegenüber platziert in metaphorisch üppiger landschaftlicher Kulisse. Die
Echtheit der Szenerie wird, unterstützt durch das leise Rauschen des
Wassers im Hintergrund, kaum anzweifelbar. Alles scheint geklärt, der
Hergang der als idyllisch empfindbaren Geschichte ist im Rahmen zu
halten, d.h. abseh- und kalkulierbar.
Der Rezipient sieht sich mit Erscheinungsbildern
von "Adam" und "Eva" konfrontiert. Losgelöste,
abstrakte Persönlichkeiten in jeweils weiblich sowie männlich definierten
Körperhüllen gefasst, die kreierten Archetypen der Menschheit
schlechthin. Kaludjerović schafft den Adam und die Eva des Sozialismus
der 60er Jahre, die Mütter und Väter der jetzt 30jährigen, traditionell
eingebettet in ein herrliches Naturambiente.
Der Künstler bedient sich einfacher
herkömmlicher Manipulationsverfahren, welche ohne grossartigen
technischen Raffinessen durchgeführt werden können. Ein Verfahren wie es
tagtäglich geschieht ohne bewusstes Wahrnehmen unsererseits.
Die Strukturen des Machtmissbrauchs, die
Auswirkungen auf sowie die totale Kontrolle über das Geschehen
thematisiert Kaludjerovic in dieser Arbeit. Die Verantwortlichkeit des
Einzelnen wird im interaktiven Bildraum mit dem kollektiven Bewusstsein
der Allgemeinheit konfrontiert. Die Relativierung des Individuums
gefangen in seinem Dasein, scheint per se konstatiert zu werden. Die
Protagonisten lösen sich in austauschbare Schablone der Gesellschaft auf.
Als letzte funktionierende Instanz fungiert diese Gesellschaft als
Auffangbecken, als alleinige Möglichkeit der menschlichen Koexistenz. Das
Kollektiv wird als das Erstrebenswerte generelle Allgemeingut suggeriert
und gepriesen.
Die zweite Arbeit des Serbens, die Serie
"The future belongs to us", steht im unmittelbaren Kontext zu
"What did tomorrow bring us?". Sie stellt die Komplementierung
in der hier geknüpften Ideenkette dar.
Die Betitelung "The future belongs
to us" leitet sich aus dem im Kinofilm "Cabaret" von der
Nazijugend vorgetragenen Lied "Tomorrow belongs to us" her.
Die Zukunft gehört uns. Wir bestimmen
unser Morgen. Ein symbolträchtiger Ausspruch als Motto einer
Massenbewegung.
Zarte Mädchen- und Bubenportraits stehen
einzeln oder zu Gruppen formatiert in grossformatigen Leinwandarbeiten
vor bedruckten kindlichen Stoffmustern. Pinocchio, Schaukelpferde oder
einfache florale Ornamentik sind im Hintergrund zu entdecken. Motive, die
für moralische Wertigkeiten stehen, welche Erwachsene Kindern vermitteln.
Die Darsteller nur mit Unterwäsche
bekleidet, posieren in spezifisch männlich und weiblich zugeschriebenen
Haltungen. Das Ausgangsmaterial der Bildwahl stammt aus
Burdazeitschriften der 70er Jahre, aus einer Zeit, in welcher der
Künstler selbst aufgewachsen ist. Kaludjerovic isoliert und assembliert
diese Motive und stellt sie im weiteren Schritt in einen definitiv neuen
Zusammenhang.
Die Momentaufnahmen aus jener Zeit
erscheinen plötzlich befremdlich. Die Diskrepanz zwischen dem Kindsein
symbolisiert durch die ins Abseits gedrängte Stoffmotivik und das
Halbnacktposieren in Erwachsenenattitüde verschärft das bildinnewohnende
Dilemma. Herausgerissen aus der eigentlichen Zweckerfüllung, nämlich für Produkte
zu werben, erhalten diese Portraits durch die zweifelhafte
Zurschaustellung einen anrüchigen Charakter. Es verstösst gegen das
moralische Empfinden, Kinder halbnackt in Unterwäsche auf Poliertellern
zu präsentieren. Der Objekt- und Opferrolle ohnmächtig gegenüberstehend
strahlen sie trotz allem die gerngesehene und geforderte kindliche
Naivität und Unschuld aus.
Die Entfremdung, welche von Kaludjerovic
hergestellt wird, entblösst den herrschenden, gängigen Machtmissbrauch
der Gesellschaft im Verharmlosen und wahllosen Konsumieren. Degradiert zu
Objekten, Trägern von kaufbaren Artikeln imitieren diese Bilddarsteller
Erwachsene, selbst noch zu einer Welt gehörend, welche eigentlich und
ausschliesslich in rosarote und hellblaue Töne erstrahlen sollte.
Die sozialkritischen Arbeiten Dejan
Kaludjerović' im allgemeinen setzen sich mit totalitären Systemen
und Strategien auseinander. Anhand beider in der bildnerischen Umsetzung
besprochener Beispiele kann das Aufzeigen des Missbrauchs in
ideologischer, physischer und psychischer Weise festgestellt werden. Zugunsten
einer zu hinterfragenden Ideologie wird ein Konstrukt einiger weniger
Menschen zum Absoluten erklärt und durchgesetzt. Durch den Schritt des
Öffentlichmachens tritt das Ignorieren und die innewohnende
Selbstverständlichkeit, die stillschweigende Zustimmung des Einzelnen zu
tage, welche letztendlich das System legitimisiert bzw. erst ermöglicht.
Kaludjerovic' Werke basieren auf Bildern
aus visuellen Medien. Er bedient sich daraus vergleichbar mit einem DJ,
sich die Technik der Collage zunütze machend, ein innovatives Sampeln
praktizierend.
Der Künstler arbeitet in allen Medien, er
verwischt die oft starren Grenzen diese zu überschreiten. Die Werke sind nicht aufs erste lesbar und
konsumierbar, nicht bloss ästhetisch oder dekorativ. Das soziale
Zusammenleben wird in Zusammenhang von persönlicher und kollektiver
Verantwortung und der Bewusstseinswerdung darüber unter die Lupe
genommen. Sie mögen für eine Zeit stehen, welche vielleicht das Gefühl
des Zwischen-Zwei-Stühlen-Sitzens am besten beschreibt.
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